ExpertInnen

MARCUS WERBER

Der Inhalt im Musikunterricht:
Im Spannungsfeld zwischen Lernziel- und Kompetenzorientierung

Der Vortrag beginnt mit dem Ergebnis einer Literaturanalyse zum Begriffsfeld ‚Unterrichtsinhalt‘. Es wird konstatiert, dass es zu diesem wichtigen Bestandteil des Musikunterrichts keine zufriedenstellende Systematik gibt. Vielmehr werden hier weitere Begriffe wie ‚Gegenstand‘, ‚Stoff‘ oder Thema‘ scheinbar unreflektiert synonym verwendet. Wird sich dem Begriffsfeld mit Beispielen genähert, so bilden Fachwissen mit musikalischen Kunstwerken und Umgangsweisen eine bunte und wenig fassbare Gemengelage. Zudem
werden häufig verschiedene Situationszusammenhänge, in denen man von ‚Inhalt‘ spricht, unzureichend differenziert. Letzterer Aspekt führte zu einer eigens entwickelten Strukturierungsmatrix, die hier Abhilfe schaffen soll. Die Aussagen der Fachliteratur werden nun unten stehenden Situationszusammenhängen zugeordnet. So sortiert, zeigen sich plötzlich Übereinstimmungen bei der Begriffsverwendung:

  1. Sachebene -> Gegenstand
  2. Planungsebene -> Inhalt
  3. Prozessebene -> Inhalt
  4. Subjektebene -> Inhalt, Wissen
  5. Evaluierungsebene -> Wissen, Kompetenz

Es folgen nun Ausführungen zu Begriffsschärfungen und Begriffsableitungen auf verschiedenen Ebenen der Matrix. Als Ergebnisse können festgehalten werden:

1) Der Inhalt im Fach Musik (auf Planungs- und Prozessebene) setzt sich immer aus der Kombination von einer Umgangsweise mit einem Gegenstand zusammen. Die Reduzierung
auf einen Aspekt würde den Inhalt unzureichend abbilden.
2) Dieser Inhalt generiert auf der Subjektebene zwei Kategorien von Wissen: Deklaratives und Prozedurales Wissen.
3) In Ableitung dieser Lerntheorie auf die Planungs- und Prozessebene wird Ergebnis 1) wie folgt modifiziert: Der Inhalt im Fach Musik setzt sich immer aus einer Kombination von Prozeduralem mit Deklarativem Inhalt zusammen.
4) Kompetenzbildung basiert sowohl auf deklarativem wie auch auf prozeduralem Wissen.

Letztlich soll die dargelegte Systematik eine differenzierte Sicht auf das bislang diffuse Begriffsfeld ‚Inhalt des Unterrichts‘ geben. Bezogen auf den Titel des Vortrages lassen sich folgende Aussagen zum Spannungsfeld zwischen Lernziel- und Kompetenzorientierung festhalten:

  • Kompetenzbildung bedarf Prozeduraler und Deklarativer Inhalte.
  • Lernzielorientierung und Kompetenzorientierung sind Glieder einer Kette.
  • Die Konstruktion von diesbezüglichen Gegensätzen muss scheitern, weil systemrelevante Komponenten nicht innerhalb des Systems gegeneinander ausgespielt werden können.


Und so bleibt abschließend mindestens eine Frage: Ist der viel zitierte ‚Paradigmenwechsel‘ vielleicht nur eine Akzentverschiebung durch die Änderung institutioneller Vorgaben?

Marcus Werber hat in Bamberg Lehramt für Grundschule mit Unterrichtsfach Musik sowie Magister für Musikpädagogik und Musikdidaktik studiert. Momentan arbeitet er als stellvertretender Schulleiter an einer Bamberger Grundschule und promoviert bei Prof. Dr. Stefan Hörmann an der dortigen Otto-Friedrich-Universität.

 


KATHRIN WAGNER

Gedanken zur Theorie und Praxis der Singklasse

Den Hintergrund zu diesem Vortrag bildet ein Promotionsvorhaben zur Frage, ob und inwieweit Bildungsprozesse durch Singen gezielt angeregt werden können. Die Singklasse als eine spezifische Situation schulischen Singens bildet dabei den Gegenstand der Betrachtungen.

Der Ausgangspunkt des Vortrags liegt in der Annahme, dass auch im Bereich der Singklasse Theorie und Praxis in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Wesentliche Fragen, die dabei aus beiden Perspektiven angegangen werden müssen, sind „Was singen wir in der Schule?“, „Wie singen wir in der Schule?“ und „Warum singen wir in der Schule?“. Eigene Antworten auf diese Fragen werden in dem Vortrag nicht gegeben. Stattdessen wird anhand von drei Beispielen danach gefragt, wie sich theoretische und praktische Herangehensweisen zueinander verhalten. Das erste Beispiel ist das der badenwürttembergischen Schulpraxis entstammende Eppelheimer Modell (Schnitzer 2008). Zweitens wird die Gesangbildungslehre von Pfeiffer und Nägeli (1810) als eine Art historischer Vorläufer einer Singklassendidaktik herangezogen und als drittes Beispiel dient eine Dissertation zu den Bildungspotenzialen des Singens in der Schule (Antwerpen 2014). Diese Betrachtungen liefern vor allem Denkanstöße für eine bessere Abstimmung von theoretischen Legitimationen zu konkreten Handlungsanweisungen für die Praxis.

Kathrin Wagner hat an der Universität und Musikhochschule Mannheim das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien mit den Fächern Deutsch und Musik absolviert. Momentan promoviert sie dort bei Prof. Dr. Martina Benz und studiert an der Musikhochschule Hannover Kinder- und Jugendchorleitung.

 

CLAUDIA HEUGER

Afrika im Musikunterricht

Nachdem in den 1980er Jahren der Diskurs über die neue Situation einer kulturell heterogenen Schülerschaft angeregt wurde und vermehrt Tänze und Lieder der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund berücksichtigt wurden, entwickelte sich in den 1990er Jahren ein ausgeprägtes Interesse an der Thematisierung von Musik anderer Kulturen, die über die Musikkulturen der in Deutschland lebenden Migrantenkinder hinausging. Als Anstoßgebender wird vielfach Volker Schütz gesehen, der 1992 ein Arbeitsbuch mit dem Titel Musik in Schwarzafrika für den Musikunterricht in den Sekundarstufen publizierte. Viele Autoren folgten mit weiteren Publikationen. Eine Vielzahl an Beiträgen erschienen in musikpädagogischen Fachzeitschriften neben ausgewiesenen Themenheften. Beachtliche Popularität erfuhr schwarzafrikanische Musik. Volker Schütz ging den möglichen Gründen für dieses unerwartete Interesse nach und publizierte Mitte der 1990er Jahre einen Aufsatz zu dem Thema Über das außergewöhnliche Interesse von Musikpädagogen an schwarzafrikanischer Musikkultur.

Doch wie sehen Unterrichtsstunden im Fach Musik aus, wenn Afrika zum Unterrichtsgegenstand wird? Wie wird der vielfältige und durch starke Kontraste gekennzeichnete Kontinent  dargestellt? Welche Bilder über Afrika werden transportiert und konstruiert? Im Rahmen der Dissertation sollen diese Konstrukte, wie sie sich in Materialangeboten (Schulbücher,  aktuelle Unterrichtspraxen) abbilden, nach wissenschaftlichen Kriterien dargestellt werden.

Claudia Heuger absolvierte an der Universität Siegen das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen mit den Fächern Deutsch und Musik. Seit Oktober dieses Jahres promoviert sie bei Prof. Dr. Alexander J. Cvetko an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen.

 

BARBARA BOROVNJAK

Instrumentaler Gruppenunterricht
Eine systematische Untersuchung zur Erschließung der didaktischen Vermittlungsdimensionen

Instrumentaler Gruppenunterricht ist seit Jahrzehnten von Relevanz in der Instrumentalpädagogik: sowohl in der Praxis als auch in der instrumentenspezifischen Didaktik und zunehmend – vor allem seit der Wende zum 21. Jahrhundert – in der empirischen Forschung. Hinsichtlich der Merkmale und didaktischen Vermittlungsdimensionen dieser komplexen Unterrichtsform fehlt es jedoch an instrumentenübergreifenden theoretischen Grundlagen. Diese Dissertation untersucht mittels eines hermeneutisch-analytischen Forschungsansatzes und einer systematischen Forschungsperspektive einerseits aktuelle didaktische Literatur zum instrumentalen Gruppenunterricht, andererseits werden empirische Studien einbezogen. Ziel ist es, ein multidimensionales Strukturmodell des instrumentalen Gruppenunterrichts zu entwickeln, das seine didaktische Komplexität sichtbar macht und als Grundlage für weitere Forschung dienen kann. Darüber hinaus könnte dieses theoretische Modell einen Beitrag zur Professionalisierung des Faches leisten und z.B. didaktische Orientierung in der instrumentalpädagogischen Ausbildung geben.

Barbara Borovnjak schloss das Studium Instrumental(Gesangs)pädagogik-Klassik-Gitarre an der Kunstuniversität Graz (KUG) im Jahr 2011 mit den Schwerpunkten Jazz & Popularmusik,
Begleitende Musikwissenschaft und Kulturmanagement ab. Seither war sie als Universitätsassistentin im Fachbereich Instrumental(Gesangs)pädagogik sowie als Gitarrenlehrerin tätig. Derzeit promoviert sie bei Prof. Dr. Silke Kruse-Weber und ist Stipendiatin der Wissenschaftlichen Doktoratsschule an der KUG.

 

VANESSA BOSCH

„Abbruch ist einfach, wenn`s nicht passt...“
Zum Umgang von Klavierlehrkräften mit Unterrichtsabbrüchen

Das beschriebene Dissertationsprojekt besteht aus zwei Teilen: einerseits aus einer empirischen Studie, und andererseits aus der Auseinandersetzung mit dem Abbruchsphänomen auf theoretischer Ebene. Die der Arbeit zugrunde liegende Fragestellung lautet: Wie gehen Klavierlehrkräfte mit Unterrichtsabbrüchen um?

Der Fokus ist auf Lehrkräfte gerichtet, da deren Sicht auf Unterrichtsabbrüche – im Vergleich zu Schüler- und Elternperspektiven - in der Instrumentalpädagogik bisher stark unterrepräsentiert ist. Die Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes auf den Bereich des Klavierunterrichts resultiert zum einen aus der Verschiedenheit instrumentenspezifischer
Sozialisationsmerkmale und deren möglichen Einflüsse auf die Untersuchungsergebnisse. Zum anderen ist das Klavier seit Jahrzehnten das meistgespielte Instrument an Musikschulen.
Da sich die Forschungsfrage anhand des aktuellen Wissensstandes nicht beantworten lässt, sollte eine Annäherung an das Untersuchungsfeld so offen wie möglich geschehen. Daher
wurde ein qualitativer Forschungszugang gewählt. Maßgeblich für die Entscheidung, die Studie nach den Prinzipien der Grounded Theory Methodologie durchzuführen, waren das Zirkularitätsprinzip sowie der Anspruch der Theoriebildung. Es wurden neun Klavierlehrkräfte (sechs w/drei m) befragt, die an Musikschulen in Deutschland und Österreich tätig sind. Die Datenerhebung erfolgte anhand von Leitfadeninterviews.

Sowohl die Definition des Begriffes „Abbruch“ als auch die Bewertung von Abbrüchen bedürfen einer umfassenden theoretischen Erläuterung. Neben Befunden aus der musik- bzw. instrumentalpädagogischen Dropout-Forschung werden hier auch Publikationen aus den Bereichen Sport und Studienabbruchsforschung berücksichtigt. Einerseits findet eine umfassende Auseinandersetzung mit verwendeten Termini statt, woraus eine Begriffsdifferenzierung resultiert. Andererseits werden gesellschaftliche, institutionelle und individuelle Perspektiven auf Abbruchsentscheidungen untersucht und kritisch beleuchtet.

Vanessa Bosch hat an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar Schulmusik sowie Klavier studiert. Derzeit promoviert sie bei Prof. Dr. Silke Kruse-Weber an der Kunstuniversität Graz im Fachbereich Instrumental(Gesangs)Pädagogik. Außerdem ist sie als Klavierlehrerin an der Musikschule Schladming, Musiklehrerin am Gymnasium Stainach und freischaffende Pianistin tätig.

 

SUN HEE LEE

Umgang mit Fehlern im Klavierunterricht an Musikschulen in Südkorea

Der konstruktive Umgang mit Fehlern kann als Schlüsselsituation für den Instrumentalunterricht gesehen werden. Forschungen in der Pädagogik, Psychologie und den Neurowissenschaften kommen zum Ergebnis, dass Fehler wichtige Lerngelegenheiten im Lernprozess sind. In der leistungsorientierten Gesellschaft Südkoreas werden Fehler dagegen als Makel beim Lernen gesehen und einseitig negativ konnotiert. Im Instrumentalunterricht ist die behavioristische Lernperspektive weit verbreitet; Lernen ist ergebnisorientiert und auf Fehlervermeidung fokussiert. Es ist anzunehmen, dass die Vermittlung und Aneignung von instrumentalem Lernen und der Umgang mit Fehlern von Scham, Angst, Stress und Lernblockaden begleitet werden. Charakteristisch ist zudem das autoritär geprägte Lehrer- Schüler-Verhältnis in Südkorea, da Instruktionen der Lehrperson im Vordergrund stehen  und SchülerInnen eher passiv agieren.

Vorliegende Untersuchung möchte die beschriebenen Hypothesen aus der Unterrichtspraxis in Südkorea auf eine empirische Grundlage stellen. Untersuchungsgegenstand bilden die Aussagen von Klavierlehrerinnen und Klavierlehrern zum Umgang mit Fehlern im Klavierunterricht in Seoul/Südkorea, die anhand von Interviews erhoben und mittels Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Die Studie wird im Rahmen einer qualitativen Studie durchgeführt, da erstens keine spezifisch empirische Forschung zu diesem Thema in Südkorea vorliegt und das Forschungsinteresse die subjektive Sichtweise der Lehrpersonen und ihre daraus resultierenden Handlungsweisen im Umgang mit Fehlern ist.

Der Ertrag dieser Untersuchung könnte darin liegen, dass die Instrumentalpädagogik in Südkorea für den Umgang mit Fehlern sensibilisiert wird, weil auch der geistes- und kulturgeschichtliche Zusammenhang zum Thema transparent wird. Die Arbeit könnte Lehrpersonen möglicherweise dazu motivieren, ihr Erfahrungswissen zu reflektieren und gegebenenfalls ihr Handlungsrepertoire zu erweitern.

Sun Hee Lee hat an der Gachon Universität in Südkorea und Ludwig-Maximilians-Universität München Klavier und Musikpädagogik studiert. Zurzeit promoviert sie bei Prof. Dr. Silke Kruse-Weber an der Kunstuniversität Graz.